Archive for Januar, 2010

Ich könnte mich auch besaufen, aber schreiben ist billiger

Januar 29th, 2010

!ping!
Ich könnte ruhig mal aufstehen und mir eine Tasse Kaffee machen. Dieser aufdringliche Gedanke in meinem Gehirn vernebelt mir zusehends die Sicht. Ich weiß, ich sollte diese Unterlagen da vor mir auf dem Schreibtisch alsbald bei meinem Chef abliefern, aber was soll’s, die paar Schritte bis zur Kaffeeküche, jeder Mensch braucht ab und zu eine Pause. Während ich also dem Gedanken nachgebe und rasch den Flur hinüber zur Kaffeeküche eile, bekommt der erste Gedanke Gesellschaft. Mit dem Aufzug würde ich es noch in die Kantine im Erdgeschoß schaffen, bevor sie für heute schließt. Es ist Nachmittag, ein Stück Kuchen gegen den Unterzucker würde meiner Arbeitskraft nur gut tun. Wenn ich aber schon mal unten bin, kann ich auch genauso gut schnell noch eine wegpaffen, vor der Tür.
In meinem Kopf herrscht mittlerweile ein großes Gesummse. Das Hintergrundrauschen meiner Großhirnrinde hat Orchesterlautstärke erreicht. Der Kaffee- und Kuchengedanke vermischt sich mit wolkig unscharfen Bildern aus meinem Gedächtnis, von gegenüber, meine ich, schweben Hypothesen über das bevorstehende Wochenende heran. Ich befinde mich wieder einmal mittendrin im Meteoritenschwarm meiner Unentschlossenheit. Unzählige Neuronengruppen in meinem Hirn versuchen, den Kampf um die Bewußtsheitsetage für sich zu entscheiden. Gerade jetzt denke ich an meine Frau und mit ihr verbundene zukünftige Freuden.
Einige, bestimmt und klar an mich gerichtete, Worte lenken meine Aufmerksamkeit wieder auf das Geschehen außerhalb meiner Körpergrenzen. Herr …, unser aller Abteilungsleiter, hat mich auf dem Flur entdeckt. Er erinnert sich bestens an die Unterlagen auf meinem Schreibtisch, und gibt seiner Hoffnung nachdrücklich Ausdruck, daß er die Benannten in Kürze auf seinem eigenen Schreibtisch finde werde, und zwar erledigt. Ich kann seinen Argumenten nicht widerstehen, und kehre zurück an meinen Arbeitsplatz. Schon zehn Minuten später fühle ich mich pudelwohl, während ich Tabellen und Formulare vergleiche, konzentriert Ergebnisse prüfe. Das Gesummse in meinem Kopf ist verschwunden, meine Bewußtheit ist neu fokussiert.

Aufmerksamkeit ist überlebenswichtig. Jedes gesunde Neugeborene zeigt uns das. Gehirne brauchen Input. Nur wie mit all dem abgespeicherten Zeug ein Leben lang umgehen? Worauf richte ich meine Aufmerksamkeit, was denke ich zuerst, und was am Besten garnicht? Zum Glück macht unser Steuerorgan vieles ohne unser Zutun. Müßten wir die komplizierten Abläufe, die es kontrolliert während wir aufrecht vorwärts gehen, bewußt steuern, wir würden wahrscheinlich auf die Nase fallen. Dennoch bleibt noch genug Aktivität übrig, um verwirrt zu sein. Unsere Fähigkeit zur Bewußtheit hat nämlich auch Nachteile. Die Fähigkeit, sich die Erfahrungen der letzten Jagd bewußt zu machen, um somit den nächsten Beutezug besser planen zu können, half einerseits unseren Vorfahren zu überleben. Andrerseits, wie überlebt ein durchschnittlicher heutiger Mann den samstäglichen Einkaufsbummel an der Seite seiner Frau? Wohin mit dem ganzen Angebot, mit den unzähligen, unsortierten Eingangsreizen? Es ist nicht verwunderlich, dass wir Menschen uns dauernd nach einem Moment der Eindimensionalität, also einem Augenblick der Begrenzung unserer Gedanken sehnen. Aus Sicht der Evolution ist Bewußtheit eine einigermaßen erfolgreiche Zusatzfunktion, der Homo sapiens ist sozusagen der Beta-Tester.
Bedacht mit dieser gewaltigen Bürde der Bewußtheit lernten Menschen schon frühzeitig die wohltuende Wirkung von Drogen aller Art zu schätzen. Die gezielte Bewußtheitstrübung wurde ein Ort der Zuflucht, der Stille bei sich selbst, aber auch des vermeintlichen Heraustretens aus sich selbst. Um die teilweise verheerenden Folgen des Drogenkonsums für die Stammesgesellschaften zu begrenzen, wurde der Gebrauch der Droge in kultische Handlungen und Rituale eingebaut. Unsere Ahnen waren klug genug, um zu erkennen, daß die ungerichtete, unkontrollierte Beeinträchtigung der Bewußtheit ihr Lebenswelt zerstören kann. Der Gebrauch und die Wirkung von Drogen wurde deshalb stark mit ritueller und religiöser Bedeutung verbunden, und so vom Lebensalltag einigermaßen ferngehalten. Aber nicht alle mußten sich mit Drogen vorglühen.
Abendländische Mystiker berichten von zweiten, dritten, gar vierten Gesichtern, von Reisen zu phantastischen Welten und Begeg-nungen mit Wesen unbekanntester Art, alles erlebt im Zustand tiefster religiöser Meditation. Meditation, die zweite klassische Begrenzung der Gedanken. Rausch oder Meditation, bürgerliche Entspannung versus fernöstliches »An die Wand starren.«

Mit der Organisation des bürgerlichen Rausches beschäftigen sich heute ganze Wirtschaftszweige. Pausenlos sind junge kreative Menschen in den Werbeagenturen des Landes damit beschäftigt, sich neue geile Rituale des Saufens auszudenken. Im Ergebnis ist Komasaufen mit Kräuterschnaps aber eben kein Ritual, sondern nichts anderes als Komasaufen. Die Hirschgeweihträger fördern allenfalls den Umsatz des Herstellers, aber keinesfalls die Festigung der Gesellschaft, in dem Sinne, wie es die genau choreographierten Rituale unserer Vorfahren vermochten.
Trotzdem kann und will ich die Rauschkugeln dieser Welt nicht verurteilen. In einer Welt, in der die allgemeine Angstquote einerseits durch radikalen Arbeitsplätzeabbau, andrerseits durch konsequente Verschärfung der Leistungsanforderung beständig erhöht wird, muß der einzelne Mensch zwingend die Möglichkeit haben, Ruhe zu finden.
Besserverdienende finden diese innere Stille mittlerweile in großzügig in die Landschaft geschlagenen Wellness Tempeln, bei Wasserspielen und gepflegtem Rotweinsaufen, weniger Erfolgreiche müssen sich derweil mit fünf Büchsen Bier und Korn vom Billigmarkt begnügen.
In diesem Sinne - Prost und !/ping!

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Ego Internet

Januar 27th, 2010

!ping! Dies ist nicht mein erster Blog. Ich hatte unter anderem im Netz publiziert. Ich schreibe Texte, weil es meiner geistigen Gesundheit gut tut, auch wenn manche Leser vielleicht anderer Meinung sind. Meine These lautet: das worldwideweb ist ein zutiefst totalitärer und undemokratischer Ort. Der menschlichste, der je erfunden wurde. Nirgendwo sonst können sich die Teilnehmer derart hemmungslos ichbezogen gebärden. Die Antithese, das Netz wäre demokratisch, fördere soziales Verhalten und die Ausbildung einer Gruppenintelligenz, halte ich für geschäftsmäßig verbreiteten Blödsinn. Hier wird Toleranz allzu schnell mit relativer Gleichgültigkeit auf eine Stufe gestellt. Es gibt gerade im Netz kein social networking ohne den Anspruch auf größtmöglichen persönlichen Vorteil. Das worldwideweb gleicht vielmehr einem neuen Kontinent, der nach den unmißverständlichen Regeln der Conquistatores erobert wird und wurde. Hier herrschen ebenso simple wie elementare Regeln. Stärke zeigen, Gegner einschüchtern, integrieren oder besiegen. In der Folge Ressourcen ausbeuten, und langfristig die alten Regeln umformulieren oder durch die eigenen ersetzen.
Das Netz als digitaler Lebensraum ist kein Ponyhof. 24 Stunden täglich finden dort weltweit Scharmützel und Eroberungskriege statt. Beinahe täglich wechseln Leader und Follower ihre Plätze.
Hierzu fiel mir das folgende Beispiel ein. Ein Teilnehmer meldet sich bei einem der hinlänglich bekannten sozialen Netzwerke an. Hat der Novize das Aufnahmeritual, also die feierliche Vergabe einen neuen Namens, vulgo Username, die Schlüsselübergabe, vulgo Passwort, hinter sich, liegt es an ihm selbst, die Gemeinschaft vom Grad seiner Wichtigkeit und Wertigkeit zu überzeugen. Er muß also eine akzeptable Leistung erbringen. Diese notwendige Leistung muß dieser Teilnehmer mithilfe einer ebenso alten wie wirkungsvollen Kommunikationstechnik, dem sogenannten »Wie du mir, so ich dir« erbringen. Nur scheinbar entsteht dadurch ein soziales Netzwerk, in Wirklichkeit aber, dient das fortwährende »Tit for Tat« dem Gleichgewicht der Kräfte innerhalb der jeweiligen Gruppe von Teilnehmern. Das höhere Handlungsziel der Beteiligten aber, bleibt immer, die eigene Sichtbarkeit, und damit einhergehend, die eigene Rangstellung zu erhöhen. Um das höhere Handlungsziel zu erreichen, muß der kommende Leader allerdings andere Teilnehmer geschickt manipulieren. Daran gibt es erstmal nichts auszusetzen. Zweckgebundenes Handeln wohnt jedem Lebewesen auf diesem Planeten inne. Andernfalls könnte ich hier nicht sitzen und Texte schreiben. Ich kürze hier ab. Konnte also der Leader die Gemeinschaft von seiner hohen Wichtigkeit und Wertigkeit überzeugen, wird er zufrieden sein. Aber auch die Follower sind zufrieden, fällt ihnen doch auch ein Teil der Wichtigkeit und Wertigkeit ihres Leaders zu. Also, alles in allem ein guter Handel.
Wo aber wird hier aktiv durch das worldwideweb irgend etwas demokratisiert, oder soziales Handeln erzeugt? Handle ich als Subjekt etwa sozialer, intelligenter oder demokratischer, nur weil ich in einer Bibliothek herumstehe? Verändert sich diesbezüglich mein Handeln, wenn mit mir weitere zehntausend Leser in der Bibliothek herumstehen? Ich behaupte nein! Solange mein realer Körper den Bezugspunkt zu meiner realen Welt darstellt, und mein reales Gehirn einzig und allein dadurch zuverlässig mit realem Sauerstoff und Glucose versorgt wird, kann ich auch nur in einer realen Welt demokratisch und sozial handeln. Das worldwideweb erzeugt garnichts. Es ist nur die genialste Erfindung seit der Entdeckung des Penicillins durch Alexander Fleming (Quelle: Google)
!/ping!

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EPA, ELENA und die Volkszählung 1987

Januar 26th, 2010

!ping! Die beiden Schwestern EPA und ELENA werden einigen von uns noch viel Freude bereiten, besonders wenn sie sich bald gemeinsam um unsere digitale Identität kümmern.
EPA, eigentlich ein ER - Elektronischer Personalausweis - wird für jedermann/frau in Zukunft zum elektronischen Identitätsnachweis. Selbstverständlich trägt er auch eine frei verwendbare, digitale Unterschrift des Inhabers, ein elektronischer Fingerabdruck ginge auch. Kurz, biometrische Daten des Inhabermenschen stellen kein großes Problem für EPA dar. Schön und praktisch finde ich vor allem, dass EPA sich mit seiner Schwester ELENA austauschen kann. Leider verbirgt sich aber auch hinter ELENA nur eine fade männliche Beschreibung eines Verwaltungsvorgangs. Im Langformat steht ELENA nämlich für den »Elektronischen Entgeltnachweis«. Die männliche Schwester von EPA ist übrigens seit 01. Januar 2010 dienstbereit, und jeder Unternehmer, der sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer beschäftigt, muß alle relevanten Arbeitnehmerdaten an die zuständigen Ministerien übermitteln, und zwar jeden Monat. Später, wenn Bruder EPA ebenfalls in Dienst genommen ist, kann jeder Arbeitnehmer mit Hilfe seines elektronischen Personalausweises einwilligen, daß Arbeitgeber, Vermittler oder die Arbeitsagentur großzügig Einsicht nehmen, in sein bisheriges Arbeitsleben. Das klingt zunächst nicht besonders aufregend, nimmt man aber die Krankenkassendaten hinzu, und die wird ELENA auch sammeln, wird es schon interessanter. Aber das kann sich jeder selbst ausmalen.
Was waren das dagegen für Zeiten, 1987. Quer durch die Bevölkerungsschichten krawallten die Proteste gegen die Volkszählung.
Interviewer zogen damals von Tür zu Tür, man stelle sich das bitte mal vor, um vergleichsweise harmlose Fragen beantwortet zu kriegen. Ja, das war ein großes Thema, damals. Aber damals waren auch Mittelstreckenraketen, Atomkraftwerke und Nena ein großes Thema.
Im Grunde machen wir uns alle nackig, mit EPA, mit ELENA, mit Facebook, und natürlich mit der dauernden Intimrasur - aber das ist eine andere Geschichte. !/ping!

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Axolotl roadkill

Januar 25th, 2010

!ping! Helene Hegemann hat ihr erstes Buch veröffentlicht ! Noch nie von ihr gehört?
Die Hegemann hat im Alter von drei Jahren nachgewiesen, daß Gott in Gestalt eines Erdhörnchens die Geschicke der Welt lenkt, mit Vollendung des siebten Lebensjahres hatte sie alle wichtigen Schriftsteller(innen) gelesen, schließlich mit vierzehn ihren ersten Film gedreht, und nun, mit knapp achtzehn Jahren ihren ersten Roman veröffentlicht. Ok, bei den Punkten eins und zwei bin ich mir nicht ganz sicher. Egal, das deutsche Feuilleton lobt sie geradezu reflexartig in die höchsten Höhen hinauf. Damit wäre dann auch schon die zukünftige Fallhöhe festgelegt. Warum fällt mir da spontan der Stuckrad-Barre ein?
Wut, Selbsthass, Hass auf die Drangsale der Erwachsenenwelt - bekannte und bewährte Themen eben.
Als hätten die Rezensenten jahrelang auf die eine erlösende, wütende Stimme gewartet, tragen sie Helene Hegemann nun umgehend die Rolle des Sprachrohrs einer ganzen Generation an. Aber will die Generation »Speckbauch« überhaupt von einer Stimme vertreten werden? Nein, will sie nicht und braucht sie nicht.
Wer mit den Feuchtgebieten durch ist, kann ja mal reinlesen.
Helene Hegemann, Axolotl Roadkill, Ullstein-Verlag !/ping!

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Okkultismus am Flughafen Mue-FJS

Januar 22nd, 2010

Weiterhin bleibt der besagte mysteriöse Fluggast ebenso wie sein nicht zu Ende untersuchter Laptop verschwunden. Weder läßt er sich über checkin Daten ermitteln, noch gibt es Aufnahmen von Überwachungskameras von der seltsamen Erscheinung. Handelte er gar im Auftrag dunkler Mächte?
Wie es aussieht, werden wir in Zukunft alle nur noch in leichter Unterwäsche und besohlt mit Flip-Flops ein Flugzeug besteigen können. Selbstverständlich ohne jegliches Gepäck. Das wird in Zukunft bei Inlandsflügen per Bahn oder LKW speditiert, bei Transkontinentalflügen mit der Queen Elizabeth (Dampfer). Ein schöne Entwicklung hin zur Entschleunigung des eigenen Lebens. Und manche menschliche Beziehung könnte sich daraus auch ergeben.

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